Simon Vogel an der Bundesfeier in Amriswil

Die Stadt Amriswil und der Verein Amriswil aktiv hatten zum 1. August in die wagerbösch AG Beachhalle an der Schwarzlandstrasse geladen. Für Unterhaltung sorgten die Tanzshow von «roundabout Amriswil», der Kunstradverein Amriswil, Zauberer Romano und die Coverband «on the rocks»; die Kinder bastelten mit «Glitzer&Chaos» ihr eigenes Steckenpferd und verzierten Lampione für den Umzug. Die Jungmannschaft Hagenwil war wie gewohnt für das leibliche Wohl zuständig.

Die Festansprache hielt Simon Vogel, Co-Präsident der GRÜNEN Thurgau und Kantonsrat. Für ihn war der Auftritt auch eine Rückkehr: In Amriswil wurden Nicole Rüegg und er vor drei Monaten offiziell ins Co-Präsidium gewählt. Als roten Faden wählte er eine Frage, die den Amriswiler Schriftsteller Dino Larese lange beschäftigte, nachdem ihm der deutsche Bundespräsident Theodor Heuss sie 1961 gestellt hatte: «Wo liegt Amriswil?» Larese drehte den leicht spöttischen Unterton ins Positive und machte aus Amriswil das «Weltdorf» – nicht, indem er es grösser machte, sondern indem er es öffnete.

Simon Vogel an der Bundesfeier in Amriswil

Genau diesen Anspruch übertrug Vogel auf die Schweiz: klein und verwurzelt – und trotzdem offen, neugierig und mit der Welt verbunden. Seine erste Antwort auf die Frage «Wo liegt die Schweiz?» war eine geografische: an einem privilegierten Ort, mit vielfältigen Landschaften auf engstem Raum, sauberem Wasser und gemässigtem Klima. Doch dieses Privileg gerate unter Druck. Mit Verweis auf die dritte Hitzewelle dieses Sommers, die Trockenheit auf Feldern und in Wäldern und die Brände in Frankreich und Spanien hielt er fest: Die Schweiz erwärmt sich rund doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Sie liege damit «auch mitten im Klimawandel».

Sein Appell: raus aus Öl und Gas, hin zu lokalen, erneuerbaren Energien – und damit auch mehr Unabhängigkeit vom Ausland. «Es ist Zeit, dass wir hier mehr Schweiz wagen», sagte Vogel. Parallel dazu brauche es Anpassung: Hitzepläne, Wasserreserven, kühlere und grünere Dörfer und Städte, mehr Schatten und mehr Bäume. Anpassung dürfe aber nie zur Entschuldigung werden, beim Klimaschutz nachzulassen.

Ein Weltdorf schaue zudem über den eigenen Tellerrand: Hitze und Trockenheit hielten an keiner Landesgrenze – und Menschen im globalen Süden treffe der Klimawandel schon heute deutlich härter, obwohl sie am wenigsten dazu beigetragen haben.

Beim Blick auf die Rolle der Schweiz in der Welt zeigte sich Vogel dankbar für Sicherheit und Stabilität eines neutralen Staates mitten in Europa – hielt aber fest: «Neutralität heisst nicht Gleichgültigkeit.» Gerade als neutrales Land müsse sich die Schweiz umso klarer für das Völkerrecht einsetzen und ihren Hebel als Finanz- und Rohstoffhandelsplatz verantwortungsvoll nutzen. Und geografisch wie politisch gehöre die Schweiz nach Europa: kein Randstück, kein Sonderfall, sondern mittendrin. Eine Schweiz, die sich einigle, werde nicht stärker – sie werde kleiner.

Zum Schluss kam Vogel auf eine Stärke im Innern zurück: die direkte Demokratie, für ihn ein Herzstück des Landes – besonders in einer Zeit zunehmender autokratischer Tendenzen. Zugleich mahnte er die oft tiefe Beteiligung an und wies darauf hin, dass in Amriswil rund ein Drittel der Bevölkerung ohne Schweizer Pass gar nicht mitentscheiden kann, obwohl es die Entscheide unmittelbar betreffen. Seine Überzeugung: «Unsere Demokratie ist kein Selbstläufer.»

Larese selbst gab auf seine Frage am Ende die schönste Antwort: «Amriswil liegt in meinem Herzen.» Für Vogel gilt das auch für die Schweiz – sie liege dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, einander zuhören und gemeinsam ihre Zukunft gestalten. Verbunden mit einer Einladung an alle Anwesenden, am eigenen Tisch nachzufragen: «Wo liegt die Schweiz – für dich?»

Wer in seiner Heimat verwurzelt ist, kann der Welt offen begegnen.
Simon Vogel, Co-Präsident der GRÜNEN Thurgau und Festredner

Die Festansprache im Volltext

1.-August-Rede 2026, Amriswil – Simon Vogel, Co-Präsident GRÜNE Thurgau

Wer in seiner Heimat verwurzelt ist, kann der Welt offen begegnen.

Ich glaube, genau darin liegt eine der grössten Stärken der Schweiz: Ihre Verwurzelung macht sie nicht eng, sondern offen. Nicht abschottend, sondern neugierig. Nicht gleichgültig, sondern bereit, Verantwortung zu übernehmen – für das, was vor unserer Haustüre geschieht, und für das, was darüber hinaus unsere gemeinsame Welt bewegt.

Liebe Amriswilerinnen und Amriswiler

Es ist mir eine grosse Freude und Ehre, heute hier die 1.-August-Rede zu halten!

Für mich ist dies etwas ganz Besonderes – und nicht selbstverständlich. Hier als Co-Präsident einer kleineren Partei eingeladen zu werden, wenn letztes Jahr der Redner ein Bundesrat war. Umso mehr freut es mich, heute hier zu sein. Gerade auch hier in Amriswil, wo Nicole Rüegg und ich vor drei Monaten offiziell ins Co-Präsidium der GRÜNEN Thurgau gewählt wurden.

Wir feiern heute die Schweiz. Und doch finde ich: der 1.-August lebt von den Gemeinden, in denen er gefeiert wird – Sie zeigen die Schweiz in ihrer ganzen Vielfalt.

Für mich ist das auch eine gute Gelegenheit, mich mit Amriswil vertrauter zu machen, das ich zugegeben noch zu wenig kenne. Ziemlich schnell stolperte ich dabei über die vielleicht bekannte Frage «Wo liegt Amriswil?» Eine Frage, die simpel klingt und die auch ich – zumindest geographisch – schnell beantworten konnte. Eine Frage, welche den bekannten Amriswiler Schriftsteller Dino Larese jedoch lange beschäftigte, nachdem ihm der ehemalige deutsche Bundespräsident Theodor Heuss 1961 genau diese Frage gestellt hatte.

Für Larese war sie vielmehr: eine Frage der Verwurzelung und seines Ursprunges.

Keine Angst, dies wird keine kulturelle Abhandlung – dazu wäre ich der Falsche. Aber diese Frage und auch der Begriff «Weltdorf», der Amriswil ab und an dank Lareses Wirken zugeschrieben wird, lässt mich heute unweigerlich auch fragen: «Wo liegt eigentlich die Schweiz? Wo steht sie in der Welt?»

Die ursprüngliche Frage klang damals wohl ein wenig spöttisch – Amriswil, ein kleines Dorf, irgendwo im Thurgau, wer kennt das schon? Doch Dino Larese drehte sie ins Positive. Er machte aus Amriswil das «Weltdorf»: nicht, indem er es grösser machte, sondern indem er es öffnete – kulturell, geistig, zur Welt hin. Ein «geistiger Weltenbürger» wurde er einmal genannt. Wobei zu erwähnen ist, dass Larese den Begriff «Weltdorf» selbst eher überheblich fand.

Dennoch finde ich den Gedanken dahinter wertvoll, und er lädt ein, weit über Amriswil hinaus zu denken. Denn ist das nicht ein Anspruch, den auch die Schweiz haben könnte? Klein und verwurzelt – und trotzdem offen, neugierig und mit der Welt verbunden. Ein Weltdorf, wenn man so will. Wenn wir uns also fragen «Wo liegt die Schweiz?», dann meine ich das nicht geografisch – das wissen wir alle. Sondern: Wo steht sie? Wie versteht sie sich? Verkriecht sie sich in den Alpen, oder ist sie offen, mutig und bringt sich in der Welt ein?

Bleiben wir zunächst noch ganz wörtlich beim «Wo liegt Amriswil?» – bei der Geografie. Denn wenn ich mir anschaue, wo wir hier eigentlich sind: Eingebettet zwischen Bodensee und den Thurgauer Hügeln, umgeben von Feldern, Wiesen und Wäldern, mit den Alpen in Reichweite – dann sehe ich eine wunderschöne Landschaft, die gleichzeitig vieles mitbringt, was auch die Schweiz ausmacht.

So lautet auch für mich eine der Antworten auf die Frage «Wo liegt die Schweiz»: Sie liegt an einem wunderbaren, ja privilegierten Ort. Vielfältige Landschaften auf engstem Raum, vom Bodensee bis zu den Alpen, sauberes und verfügbares Wasser, gute Luft, ein gemässigtes Klima. Und das ist alles andere als selbstverständlich – es ist ein Privileg. Doch genau diese vermeintliche Idylle ist nicht in Stein gemeisselt. Sie gerät zunehmend unter Druck.

Denn ausgerechnet dieser privilegierte Ort verändert sich – schneller, als vielen bewusst ist. Wir spüren es diesen Sommer selber: aktuell bereits die 3. Hitzewelle, die Trockenheit auf den Feldern und in den Wäldern. In Frankreich und Spanien brennen die Wälder. Das sind keine fernen Szenarien mehr. Und die Zahlen sind deutlich: Die Schweiz erwärmt sich rund doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Wenn wir also fragen «Wo liegt die Schweiz?», dann liegt sie auch mitten im Klimawandel. Der Permafrost taut, die Gletscher schmelzen in atemberaubendem Tempo, die Wälder leiden unter Hitzestress. Die Schweiz, die wir kennen, verändert sich.

Für mich ist klar: Damit dürfen wir uns nicht einfach abfinden. Wir haben in der Schweiz ideale Voraussetzungen, um zu handeln. Nutzen wir sie! Steigen wir aus Öl und Gas aus, setzen wir auf lokale, erneuerbare Energien. Gerade die letzten Monate und Wochen haben auch gezeigt, wie abhängig wir von Energien aus dem Ausland sind. Es ist Zeit, dass wir hier mehr Schweiz wagen. Machen wir uns unabhängig – ökologisch und politisch. Ja, das bedeutet Investitionen und Veränderung. Aber es legt die Grundsteine für eine Schweiz, die ihre Zukunft nicht verwaltet, sondern gestaltet.

Gleichzeitig müssen wir uns anpassen. Wir brauchen Hitzepläne und Wasserreserven, die ältere und verletzliche Menschen schützen, wir brauchen kühlere, grünere Dörfer und Städte, mehr Schatten und mehr Bäume. Klimaschutz und Anpassung sind kein Widerspruch – sondern gehören zusammen. Aber verwechseln wir die Anpassung nie mit einer Entschuldigung, beim Schutz nachzulassen.

Und hier lohnt sich der Blick über Amriswil, über die Schweiz hinaus. Denn Hitze und Trockenheit machen an keiner Dorf- und an keiner Landesgrenze halt. Wir bekommen den Klimawandel zu spüren – aber noch längst nicht am stärksten. Menschen im globalen Süden trifft er heute schon viel direkter, obwohl sie am wenigsten dazu beigetragen haben. Auch das gehört für mich zu einem Weltdorf: dass wir über den eigenen Tellerrand hinausschauen und Verantwortung übernehmen – für uns und für andere.

Wagen wir aber auch den etwas grösseren Blick: Unsere Lage in der Welt. Ich bin dankbar für die Sicherheit und Stabilität, in der wir hier leben dürfen – als neutraler Staat mitten in Europa. Diese Neutralität hat uns viel gebracht: Stabilität nach innen und die Möglichkeit, nach aussen zu vermitteln, Brücken zu bauen, wo andere nur noch Fronten sehen.

Aber Neutralität heisst nicht Gleichgültigkeit. Ein Weltbürger – oder ein Weltdorf – ist niemand, der keine Heimat hat. Sondern jemand, der von seiner Heimat aus in die Welt wirkt. Genauso verstehe ich unsere Neutralität: nicht als Wegschauen, nicht als Sich-Heraushalten, sondern als Verpflichtung, uns einzubringen. Gerade weil wir neutral sind, müssen wir uns umso klarer für das Völkerrecht stark machen – für die Regeln, die Schwächere schützen und Willkür Grenzen setzen. Und die Schweiz hat Gewicht: mit ihrem Finanzplatz, mit dem Rohstoffhandel. Diesen Hebel dürfen wir nicht ungenutzt lassen, sondern sollen ihn verantwortungsvoll einsetzen.

Wenn wir also auf die Welt schauen und uns fragen «Wo liegt die Schweiz?» – dann ist die geografische Antwort einfach: Mitten in Europa. Kein Randstück, kein Sonderfall am Rande der Landkarte, sondern mittendrin. Und ich bin überzeugt: Auch politisch gehören wir dorthin. Europa ist und bleibt unser wichtigster Partner – wirtschaftlich, kulturell, menschlich.

Die grossen Fragen unserer Zeit lösen wir nicht alleine. Das Klima schert sich nicht um Landesgrenzen, und auch Sicherheit und Wohlstand haben wir nur gemeinsam. Eine Schweiz, die sich einigelt, wird nicht stärker – sie wird kleiner. Eine Schweiz hingegen, die offen ist, die sich vernetzt und gemeinsam mit anderen Verantwortung übernimmt, wird ihrer Rolle gerecht. Ein Weltdorf lebt von Beziehungen. Wer die Brücken abbricht, hört auf, eines zu sein.

Doch so wichtig der Blick nach aussen ist – kommen wir zurück zu uns. Denn eine Stärke der Schweiz liegt genau hier, bei uns: unsere direkte Demokratie. Sie ist weltweit bekannt, und für mich ist sie ein Herzstück dieses Landes. Gerade jetzt, wo weltweit autokratische Tendenzen zunehmen und Demokratien unter Druck geraten, schätze ich es umso mehr, wie direkt wir hier mitbestimmen können. Kaum irgendwo sonst kann man so unmittelbar Einfluss nehmen – mit einer Unterschrift auf der Strasse, mit dem Einsatz für eine Abstimmung, bis hin zur Wahl in ein Amt.

Und hier schliesst sich der Kreis: Ein Weltdorf lebt von vielen Stimmen. Und genauso lebt unsere Demokratie davon, dass möglichst viele mitreden.

Doch so direkt unsere Demokratie ist, so tief ist manchmal die Beteiligung. Bei manchen Abstimmungen entscheidet nur ein kleiner Teil der Bevölkerung über Fragen, die uns alle betreffen. Da dürfen wir uns durchaus an der eigenen Nase nehmen.

Neben der Wahlbeteiligung hat auch ein Teil der Bevölkerung ohne Schweizerpass – hier in Amriswil sind das doch ein Drittel der Bevölkerung – gar keine Möglichkeit, überhaupt an den Entscheidungen teilzuhaben, welche ihr Leben aber unmittelbar betreffen können.

Ich bin überzeugt: Unsere Demokratie ist kein Selbstläufer. Sie lebt von der Beteiligung – und sie ist stark genug, sich weiterzuentwickeln. Hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen – damit alle, die die Schweiz mitgestalten, sie auch mitbestimmen können.

Das sind einige meiner Antworten, wenn ich mich frage «Wo liegt die Schweiz». Vielleicht habt ihr andere Antworten als ich. Vielleicht setzt ihr andere Prioritäten. Und das ist gut so. Denn genau das macht die Schweiz aus: dass viele verschiedene Stimmen zusammenkommen. Dass wir miteinander reden, einander zuhören und am Ende gemeinsam entscheiden.

Ich bin heute nicht hier, um eine perfekte Schweiz zu feiern. Sondern eine Schweiz, die uns Möglichkeiten gibt. Die vieles gut macht, für das wir dankbar sein dürfen – und die wir gemeinsam gestalten müssen.

Und damit komme ich zurück zum Anfang, zu Dino Larese und seiner Frage: «Wo liegt Amriswil?»

Am Ende gab er selbst die vielleicht schönste – und zugegeben auch etwas romantische – Antwort. Sie lautete nicht Thurgau, nicht am Bodensee und nicht in der Ostschweiz. Sondern: «Amriswil liegt in meinem Herzen.»

Vielleicht ist das auch die schönste Antwort auf die Frage, die uns heute begleitet hat: Wo liegt die Schweiz?

Sie liegt nicht einfach auf der Landkarte. Sie liegt dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen. Wo sie einander begegnen. Wo sie miteinander reden, offen sind, einander zuhören und gemeinsam ihre Zukunft gestalten.

Etwas im Herzen zu tragen, heisst nämlich nicht, es sich darin nur gemütlich zu machen. Es heisst auch, sich zu kümmern. Um unser Dorf. Um unser Land. Und um unsere gemeinsame Welt.

Denn ich bin überzeugt: Wer in seiner Heimat verwurzelt ist, kann der Welt offen begegnen.

Gerne möchte ich euch deshalb heute zum Schluss noch eine kleine Einladung mitgeben. Nutzt die Gelegenheit, mit jemandem ins Gespräch zu kommen. Vielleicht sitzt diese Person sogar an eurem Tisch.

Fragt sie einfach: «Wo liegt die Schweiz – für dich?»

Oder vielleicht auch: «Was macht Amriswil für dich zu einem Ort, an dem du gerne lebst?»

Ich bin überzeugt: Es gibt viele verschiedene Antworten. Und genau das macht unsere Schweiz aus. Nicht, dass wir alle gleich denken. Sondern dass wir einander begegnen, einander zuhören und miteinander im Gespräch bleiben.

In diesem Sinne wünsche ich uns nicht nur einen schönen 1. August, sondern viele gute Begegnungen.

Herzlichen Dank für die Einladung, für eure Aufmerksamkeit und allen, die zu diesem schönen Fest beitragen.